Beitrag: Russland, wir müssen reden

Machen wir uns nichts vor: der Schlüssel zum Frieden in der Ukraine liegt weder in Kiew noch in Berlin und schon gar nicht im Brüsseler NATO-Hauptquartier.

Dieser Schlüssel liegt in Moskau.

Denn das, was in den deutschen Medien unter der Floskel “Ukraine-Konflikt” läuft, ist nicht (oder: nicht nur) ein Konflikt in der Ukraine oder um die Ukraine.

Es ist ein grundsätzlicher Konflikt zwischen der Europäischen Union auf der einen Seite und Russischen Föderation auf der anderen, genauer gesagt: russischer Staatsführung. Und dieser Konflikt wird unter anderem auf dem ukrainischen  Territorium ausgetragen, aber nicht nur da und und nicht nur mit militärischen Mitteln.

Die Ursachen des sog. “Ukraine-Konflikts” liegen natürlich nicht nur in der Frage, ob irgendein Land der ehemaligen Sowjetunion ein Abkommen mit der EU unterschreiben darf oder nicht.

Das Problem liegt viel mehr darin, dass die russische Staatsführung in der modernen (also liberal-demokratischen und marktwirtschaftlichen) Staatsordnung eine existentielle Bedrohung sieht, und nicht nur für sich selbst, sondern für das ganze Land.

Deswegen ist die Frage nach Friedenansätzen für die Ukraine und ganz Europa in meinen Augen vor allem die Frage nach Möglichkeiten, Russland diese irrationale Angst vor der Moderne

zu nehmen. Und weil Frieden in Europa ohne Russland nicht möglich ist, lautet die Frage: wie holen wir Russland zurück nach Europa?

Wie können wir, Europäer (ich zähle mich als russischen Staatsbürger dazu, wenn ich darf), den Russen ihre Angst vor der NATO, EU, freien Wahlen, freier Marktwirtschaft und Freiheit als solcher zu nehmen – also von den abstrakten Dingen, die das russische Staatsfernsehen mit so viel Leidenschaft Tag für Tag verteufelt?

Oder, mit anderen Worten: wie holen wir Russland zurück in die europäische Gedanken- und Wertegemeinschaft?

Die Frage klingt komplizierter als sie ist. Denn historisch war Russland immer ein Teil Europas und es wird ein Teil Europas bleiben. Und nicht nur geographisch, sondern auch gesellschaftlich, kulturell, religiös, wirtschaftlich. Egal, wo sie auch heute in Russland hinschauen, ob in einen Zarenpalast, in ein Buchregal mit der klassischen Literatur oder in einen Baumarkt – überall sehen Sie europäische Spuren, Ideen, Inspirationen. Überall dieser bewundernde, wenn nicht neidvolle Blick nach Westen.

Mehr noch: die Russen wollen nach Europa. Als ehemaliger Chefredakteur einer großen Reisezeitschrift weiß ich aus langjährigen Erfahrung: nichts verkauft sich besser an einem Moskauer Kiosk als eine europäische Großstadt. Zwar propagieren die Staatsmedien ununterbrochen den Patriotismus, aber sobald ein russischer Leser vor einem Zeitschriftenregal unbeobachtet steht und freiwillig entscheidet, wofür er seine 150 Rubel ausgibt, “kauft” er viel lieber London, Paris und Barcelona als Kamtschatka, Burjatien oder Jenisej.

Also: wie bringen wir Russland und die Russen zurück nach Europa? Wie helfen wir dem größten Land des Kontinents seine Angst zu überwinden und der Welt wieder zu öffnen? Wir holen wir es aus dem Tunnel der anti-westlichen Ressentiments?

Ganz einfach: wir müssen reden.

Je mehr, desto besser.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in Russland erfahren, wie demokratische Gesellschaften funktionieren. Was freie Wahlen bedeuten, wie wichtig die Meinungsfreiheit ist. Und welche Vorteile das demokratische System für den Einzelnen bringt, auch wirtschaftlich. Kurzum: warum Demokratie günstiger, also besser ist.

Wir dürfen keine Angst davor haben, uns noch intensiver für die objektive Berichterstattung in der russischen Sprache einzusetzen, und die Schlüsselrolle sollte dabei weiterhin die Deutsche Welle spielen.

Ich würde sagen, wenn es um Sicherheit Europas geht, ist Russisch eine deutlich wichtigere Sendesprache der Deutschen Welle, wichtiger als Arabisch oder Englisch. Statt zu versuchen, mit CNN und BBC im englischsprachigen, also überwiegend bereits demokratischen Raum zu konkurrieren, sollte meiner Meinung nach die Deutsche Welle sich auf das Land konzentrieren, das entscheidend bei der Frage nach europäischen Sicherheit ist – also Russland.

Die Leser und Zuschauer in den USA und Großbritannien, in Kanada und Australien haben bereits freien Zugang zu Information. Sie leben in der freien Welt, sie können sich frei informieren, sie können frei wählen.

Die vom russischen Staat unabhängige, professionelle Berichterstattung in der russischen Sprache könnte und sollte die oberste Priorität der Deutschen Welle werden. Jeder Euro, der in die objektive Information der russischen Gesellschaft investiert wird, ist eine Investition für den Frieden in Europa.

Denn die Worte sind wichtiger als Waffen. Und daher ist ein Goethe-Institut irgendwo in Sibirien wichtiger für den Frieden in Europa als zehn amerikanische Panzer in Estland. Abschreckung funktioniert nur kurzfristig, Verführung ist effektiver. Also müssen wir Europa für Russland und die Russen wieder attraktiv machen, und das wird niemals mit militärischen Mitteln gelingen.

Austauschprogramme, Reisen, Sprachkurse, freie Medien – je mehr wir mit Russland reden, desto besser. Schließlich werden Konflikte da gelöst, wo sie entstehen – in den Köpfen.

Sobald wir Russland nach Europa zurückgeholt haben, wird der sogenannte “Ukraine-Konflikt” vergessen sein.

 

VladimirEsipov011_2 Esipov ist Chefredakteur des Reisemagazins GEO Russland.